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Mit freundlicher Genehmigung eines Patienten

Grundsätzliche Überlegungen zur forensischen Nachsorge

In der wissenschaftlichen Literatur ist gut belegt, daß ambulante Nachsorgemaßnahmen sowohl eine Verkürzung stationärer Aufenthalte in forensischen Kliniken als auch einen höheren Schutz der Bevölkerung vor Rückfalldelikten ermöglichen. Deshalb bedarf es auch an den bayerischen Maßregelvollzugsabteilungen entsprechender, personell und finanziell abgesicherter spezifischer forensisch-psychiatrischer Nachsorge-Ambulanzen. Ihre Mitwirkung ist inzwischen auch in den Gesetzen zur Führungsaufsicht geregelt.

Nach Entlassung aus der stationären Unterbringung untersteht der Patient meist für 5 Jahre der Führungsaufsicht. Die zur Entlassung führende Prognose, derzufolge die Begehung erneuter schwerer Straftaten nicht zu erwarten sei, wird jeweils unter einem Blickwinkel gestellt, der den künftigen Verlauf der zugrundeliegenden psychischen Erkrankung und das voraussichtliche Legalverhalten gleichermaßen einschließt. Diesem Doppelaspekt von Krankheit und Sicherheit entspricht - nach der stationären Entlassung - für den Zeitraum der Führungsaufsicht eine doppelte Zuständigkeit von Krankenkassen und Staat. Daß die Krankenkassen auch weiterhin gefordert bleiben, ergibt sich schon aus dem Zurücktreten des Sicherungsgewichts, das während der stationären Unterbringung natürlich weit höher ist als in der Zeit der Führungsaufsicht. Die dennoch ebenfalls bestehende staatliche Zuständigkeit ist andererseits bereits dadurch dokumentiert, daß die Führungsaufsicht selbst staatliche (Justiz-)Aufgabe ist und sich Nachsorgemaßnahmen für den Staatshaushalt in kürzeren Unterbringungsdauern niederschlagen.

Nicht jeder aus der Maßregel entlassene Patient bedarf einer spezifischen forensischen Nachsorge. Für den größten Teil der Untergebrachten erscheint eine solche Maßnahme jedoch sinnvoll und notwendig. Vorteile einer speziellen forensischen Nachsorgestruktur ergeben sich u. a. aus folgenden Überlegungen:

  • Ehemalige Forensik-Patienten sind in allgemeinpsychiatrischen Einrichtungen aufgrund verbreiteter Vorurteile oft ungern bzw. mit großer Skepsis gesehen. Solche Vorbehalte wirken sich negativ auf die Qualität der therapeutischen Beziehung aus.
  • Mit dem Übergang vom forensischen in ein nichtforensisches Setting kommt es zu einem Bruch der Betreuungskontinuität, was für den Patienten auf der Vertrauensebene, für den Therapeuten auf der Ebene der Kenntnis der Besonderheiten des Patienten Schwierigkeiten bereitet. Diese Probleme des Übergangs bzw. des Bruchs sind umso schwerwiegender, als das Hauptinstrument gegen die Neigung vieler forensischer Patienten zum Agieren und Spalten eben die Therapeutenkontinuität ist.
  • In den meisten extramuralen Einrichtungen fehlt forensisches know-how, z. B. bezüglich der Wertigkeit von Bewährungsauflagen, des Wissens um Prognosefaktoren etc.. Dies trifft nicht nur auf Hausärzte, sondern auch auf niedergelassene Psychiater und Psychotherapeuten, sofern sie nicht über einen spezifischen Weiterbildungs- und Erfahrungshintergrund verfügen.
  • Die Klientel des Maßregelvollzugs unterscheidet sich empirisch wesentlich von der Klientel der Allgemeinpsychiatrie, und zwar sowohl bezüglich der Sozialisation als auch der bisherigen Hospitalisierungserfahrung, hinsichtlich demographischer wie auch diagnostischer Parameter. So verfügt beispielsweise die Allgemeinpsychiatrie innerhalb wie außerhalb der Allgemeinpsychiatrie kaum über Konzepte zur Behandlung von Menschen mit den in der Forensik vorherrschenden Persönlichkeitsstörungen.
  • In den meisten extramuralen Einrichtungen fehlen auch die entsprechenden Kontaktschienen, die für die ambulante Begleitung ehemaliger forensischer Patienten erforderlich sind, also etwa die Kontakte zum Bewährungshelfer, zur Strafvollstreckungskammer etc.. Daher dauert die Zeit zwischen ersten Hinweisen auf erneutes Abgleiten in deliktische Rückfälligkeit und Krisenintervention (§ 67h StGB) bzw. geeignete sonstige Maßnahmen bis hin zum Widerruf oft unverantwortlich lang, obwohl wir umgekehrt wissen, daß es gerade die rasche Zugriffsmöglichkeit in brisanten Situationen ist, was die deliktische Eskalation meist vermeiden läßt.

Die Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie des kbo-Isar-Amper-Klinikum München-Ost hat deshalb seit 1996 zunächst für den § 63 StGB-Bereich eine Forensische Ambulanz aufgebaut. In ihr kooperieren verschiedene Berufsgruppen - Ärzte, Psychologen, Sozialpädagogen und Pflegepersonal. Neben der psychotherapeutischen und medikamentösen Behandlung nimmt die Angehörigenarbeit einen wichtigen Stellenwert ein. Das soziale Umfeld (Arbeit, Wohnen, soziale Kontakte etc.) ist von zentraler Bedeutung für den Wiedereingliederungserfolg und damit für die künftige Legalbewährung. Deshalb führt die Forensische Ambulanz bei den meisten ihrer Patienten häufig Hausbesuche durch und sucht aktiv den Kontakt zum sozialen Umfeld.

Wichtig für eine effektive Nachbetreuungsarbeit ist die Kenntnis des Patienten aus seiner stationären Zeit, das Bestehen einer therapeutischen Beziehung und die Akzeptanz der Doppelfunktion der forensischen Ambulanz als Instrument zugleich zur Unterstützung des Patienten und zur Vermittlung von Halt, was in bestimmten Teilaspekten auch Kontrolle und bei entsprechenden Konstellationen Zwang - etwa bezüglich einer Wiedereinweisung in die Klinik, die Anregung eines Bewährungswiderrufs etc. - einschließt. Denn letztlich dient die Forensische Ambulanz wesentlich auch dem Opferschutz.

Daher kommt auch solchen Maßnahmen eine wichtige Rolle zu wie enger Kontakt zu Bewährungshelfer und Strafvollstreckungskammer, aber auch häufiger als sonst in der Institutsambulanz üblich die Durchführung bestimmter Laboruntersuchungen (Drogenscreenings, Blutalkoholbestimmung) sowie Hausbesuche.

Die Entscheidung, ob ein zu entlassender Forensikpatient nach der Aussetzung der Unterbringung durch die Forensische Ambulanz nachbetreut wird oder nicht, hängt von der Frage ab, ob für seinen spezifischen Behandlungs- und Sicherungsbedarf die verfügbaren allgemeinpsychiatrischen Strukturen (z. B. niedergelassener Nervenarzt, Psychotherapeut, SpDi, Suchtberatungsstelle etc.) als ausreichend erachtet werden. Trifft dies nicht zu, wird bei der Stellungnahme gemäß § 67 e StGB die Aufnahme einer Nachbetreuung durch die Forensische Ambulanz in die Bewährungsauflagen angeregt. Erklärt sich der Patient damit einverstanden und folgt die Kammer dieser Anregung, wird er ab dem Entlassungstag in die Forensische Ambulanz aufgenommen.

Stellt sich im Lauf der Bewährungszeit heraus, daß inzwischen eine andere Betreuungs- bzw. Behandlungsform vetretbar ist, etwa ein Wechsel zu einem wohnortnäher gelegenen niedergelassenen Psychiater, kann eine entsprechende Änderung der Bewährungsauflage angeregt oder befürwortet und die Behandlung durch die Forensische Ambulanz in Abstimmung mit den Justizorganen beendet werden.

Die Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie des kbo-Isar-Amper-Klinikum München-Ost nahm bereits von März 2002 bis Februar 2004 an einem ersten Modell-Projekt des Bayerischen Sozialministeriums zur Evaluation der Nachsorge in Kooperation mit der Forensischen Abteilung der Universitätsnervenklinik München (Prof. Dr. Nedopil) teil. Ein zweites Modell folgte ab Mai 2005 bis April 2010, die Evaluation dieses 2. Modells erfolgt über die Universität Regensburg (Prof. Dr. Osterheider).

In beiden Modellen fungiert die Institutsambulanz als Krankenkassen-Anteil, zudem aus Mitteln des Bayerischen Sozialministeriums die Finanzierung der spezifisch forensischen Anteile hinzutreten. Seit November 2005 ist die Forensische Ambulanz in einem eigenen Haus auf dem Gelände des Klinikums untergebracht.

 

 

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